Foto: ballet-tanz
(c) 2001 by Johs Bøe / entnommen: ›ballett-tanz‹ 12/01, S. 19

C h r i s t o p h
        K a m m e r t ö n s

Musik, die den Tanz ermöglicht - der Tanzkorrepetitor

In: ›ballet-tanz‹ 12/01, S. 19

In jedem besseren Ballettinstitut, in jedem Theater unterstützt ein Pianist das tägliche Training. Diese Tatsache erscheint so selbstverständlich, dass naheliegende Fragen nicht mehr gestellt werden: Warum ist die nicht ganz billige Klavierbegleitung überhaupt notwendig? Warum muss es die Begleitung am Klavier sein (statt etwa jener durch eine Querflöte)? Wie erwerben Pianisten die Fähigkeit, diese Aufgabe angemessen erfüllen zu können?
     Die in Charakter, Länge und Binnenunterteilung der jeweiligen Übung angepasste Musik ist ein grundlegendes Element jeder Trainingsabfolge, keine Dreingabe. Sie verschönert dem Tänzer seine Bewegungen nicht als akustisch-dekorativer Kofferradioersatz, sondern ermöglicht erst ihre Ausführung, ja erzwingt sie förmlich. Sie gleicht dem Surfbrett, auf dem ein Wellenreiter sich die Gewalt der Brandung zunutze macht. Diese Unterstützung geht über das Erzeugen einer Gemütsstimmung weit hinaus. Der erfahrene Pianist weiß, mit welcher Bewegung der Tänzer Kraft schöpft, wann er diese in einem Sprung verströmen, und wann genau die Landung den energetischen Bogen perfekt beenden wird. Er weiß es, und er sagt es dem Tänzer durch seine Musik. Der vertraut seinem Partner am Klavier, um sich tragen zu lassen. Dieses Moment des Geschehenlassens, Sichanvertrauens ist ein Geheimnis des ökonomischen Kräfteeinsatzes, ohne den gerade der klassische Tanz abseits des Gymnastischen schwer zu realisieren wäre.
     Warum nun gerade das Klavier? Sicherlich kann man zu Debussys ›Syrinx‹ für Flöte hervorragend tanzen, doch ist die Rede vom täglichen Training, nicht von einer Choreographie. Das Klavier mit seiner Fülle von Möglichkeiten gleichzeitiger Klänge, seiner orchestralen Qualität, seinen sowohl melodiösen als auch perkussiven Eigenschaften, seiner extremen Wandlungsfähigkeit hat hier keinen Konkurrenten.
     Darum muss ein Pianist diese verantwortungsvolle Aufgabe annehmen. Aber was qualifiziert ihn? Diese Frage ist leider allzu gut gestellt, denn es gibt nahezu keine geregelte Ausbildung für Tanzkorrepetitoren, noch ein empfehlenswertes Lehrbuch. Die typische Karriere ist die eines Solorepetitors, der nolens volens auch das Tanztraining an seinem Theater ›miterledigen‹ muss. Für alle Beteiligten beginnt eine leidvolle Zeit, in der ein frischgebackener Tanzkorrepetitor sein neues Handwerk in der Praxis lernt. Da viele Trainingsleiter nichts weniger können, als präzise Anweisungen zu musikalischen Erfordernissen zu geben, ist Unmut auf allen Seiten vorprogrammiert. Dazu kommen Gefühle des gegenseitigen Fremdseins - die Sozialisation von Musikern und Tänzern ist erstaunlich unterschiedlich Zudem tritt ein Einzelner einer Gruppe entgegen, die auf ihn nicht nur äußerlich (gleiche Frisuren, gleiche Kleidung) einen sehr homogenen, ja uniformierten Eindruck macht.
     Nicht weniger klippenreich ist die Karriere der Korrepetitoren in Ausbildungsinstituten. Durch Mund-zu-Mund-Propaganda auf diesen Job aufmerksam geworden, geben sich hier Pianisten, Klavierlehrer und Kirchenmusiker ein Stelldichein, das für sie zunächst unter der Kategorie ›vorübergehende berufliche Notunterkunft‹ rangiert. Dies gewahr, stellt sich mit der Zeit jedoch ein, was am Theater gern als ›Premiereneffekt‹ apostrophiert wird: Trotz widriger Umstände und chaotischer Lernprozesse ergibt sich ein ersprießliches Ergebnis. Endlich ist der Korrepetitor kostbares Gut; auch er freut sich seiner neuen Fähigkeiten, und mit Glück wird sein Verbleiben durch die eigentlich selbstverständliche Motivierung eines angemessenen Gehalts gesichert.
     Im ungünstigen Fall ergibt sich trotz einsetzender Erfolgserlebnisse eine hohe Fluktuation der Pianisten: Der Musiker findet seine Aufgabe nicht dauerhaft erfüllend; einmal begriffen langweilt sie ihn. Oder er scheitert an zwischenmenschlichen Problemen, an den disparaten Lebensführungen und Umgangsformen aller Beteiligten oder quittiert seinen Dienst aufgrund von Unterbezahlung. Kann man ihm beim letzten Grund zur Flucht nur raten, lässt sich bei vorgenannten Gründen einiges zur Verbesserung der Situation tun: Das A und O ist die intensive Kommunikation zwischen Tänzern und Pianist, insbesondere da der Begleiter seinen Dienst während des Trainings naturgemäß stumm versieht. Ebenso wichtig ist, das mittelbare Ergebnis seiner Bemühungen zu genießen und Tanzaufführungen zu besuchen, die seine Liebe zu dieser Kunst und zu seinem Anteil an ihrem Gelingen festigen helfen. Solchermaßen aktiv um seinen Beruf bemüht wird sich der Korrepetitor im Dienste einer Berufung fühlen – dies freilich nur dann, wenn ihm Tänzer und Trainingsleiter im gleichen Bemühen die sprichwörtliche halbe Strecke des Weges entgegenkommen.

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