.
                       >>> C h r i s t o p h  K a m m e r t ö n s    Louis Lacombe                                              


Louis L a c o m b eLacombe [Trouillon-Lacombe], Louis  * 26. Nov. 1818 Bourges (Dép. Cher),  30. Sept. 1884 in Saint-Vaast-la-Hougue (Dép. Manche), Komponist, Pianist und Musikpublizist.
   Nach erstem Klavierunterricht bei seiner Mutter, einer im Umfeld des heimischen Theaters tätigen Pianistin, wurde Louis Lacombe 1829 in die Klavierklasse von P.-J.-G. Zimmermann am Pariser Conservatoire aufgenommen. Lacombes Teilnahme bereits am »Concours« des Folgejahres lehnte L. Cherubini in seiner Funktion als Direktor mit der Begründung ab, keine »candidats au maillot« zu dulden (E. Jongleux, S. 11). 1831 schließlich zugelassen, errang der Hochbegabte den »premier prix de piano«.
    Im folgenden Jahr verließ das »prodige des prodiges« Le Temps, 13. Aug. 1831) das Conservatoire zugunsten einer ausgedehnten Konzertreise durch Frankreich, Belgien, Deutschland und Österreich. Weitere Reisen durch europäische Länder sollten folgen. 1834 studierte er bei C. Czerny und J. Fischhof sowie die theoretischen Fächer bei S. Sechter und I. von Seyfried in Wien. Seine Kenntnis der deutschen Schule festigend nahm er Kontakt zu Marschner, Spohr und Ries auf. Folgerichtig sollte etwa seine Oper Le Tonnelier de Nuremberg (deutsche Fassung: Meister Martin und seine Gesellen) anläßlich der Uraufführung in Koblenz 1897 nicht nur als vorbildlich instrumentiert, sondern explizit auch als gelungene Synthese deutschen und französischen Stils wahrgenommen werden.
     1839/40 nach Paris zurückgekehrt, erzielte Lacombe durch Kammermusik, Modekompositionen für Klavier, »symphonies dramatiques« (Manfred, Arva ou Les Hongrois und das Melodram Sapho), über 150 Lieder sowie zahlreiche Chöre einen vorübergehend regen Zuspruch von Publikum und Kritik. Für seine Opern wurde er erst nach seinem Tod und kurzlebig gewürdigt: Einen Achtungserfolg erzielte 1892 vor Le Tonnelier die vom Komponisten als besonders gelungen angesehene Oper Winkelried (UA 17. Febr. 1892 Genf, Grand Théâtre) über den gleichnamigen Schweizer Nationalhelden. Als Kulminationspunkt einer Neigung zum Opulenten sorgte Cimbres et Teutons für Aufsehen: Über 5000 Mitwirkende sollen diesem doppelchörigen Werk 1859 im Pariser Palais de l'Industrie und anschließend im Londoner Cristal Palace zu beeindruckender Wirkung verholfen haben. Für das Concert d'honneur de l'exposition universelle au Trocadéro am 6. Juni 1878 wurde Sapho, sein letztes zu Lebzeiten uraufgeführtes großes Werk, von der Jury ausgewählt. Saint-Saëns hatte als Mitglied des Gremiums das Melodram durch seine Klavierpräsentation der Partitur maßgeblich durchgesetzt.
     Eine Sammlung thematisch weitgestreuter Aufsätze des für verschiedene Musikjournale tätigen Publizisten erschien posthum 1896. Die Gesangsunterweisung La Science du mécanisme vocal et l'art du chant (Paris 1876) seiner zweiten Frau, der Sängerin Andrée Favel (eigentl. Claudine Duclairfait, *17. Jan. 1831 in Voisinlieu [Dép. Oise], 8. Sept. 1902 in Saint-Vaast-la-Hougue), enthält instruktive Solfeggien ihres Mannes.
     Lacombes breite stilistische Kenntnis zeigt sich nicht nur in der Vielfalt des eigenen Schaffens, sondern auch in seiner Pflege der Werke fremder Hand. So spielte er in seinen Konzerten eigene Kompositionen etwa neben jenen von Beethoven und Chopin und betätigte sich als Herausgeber u.a. Beethovenscher Kammermusik.
     Von dem Gefühl, als Komponist unverstanden und nicht hinreichend beachtet zu sein, zeugen aphoristische Sentenzen, die sich Lacombes Bemühen um die Lyrik verdanken; posthum erscheint der Gedichtband Dernier Amour, Paris 1886. Die Kritik zeichnete für die Nachwelt entsprechend das Bild eines unterbewerteten Künstlers – dies unter Hinweis auf H. Berlioz, in dessen Nachfolge Lacombe als Instrumentator und in seiner Hinwendung zur Implementierung außermusikalischer Sujets in symphonische Werke wahrgenommen wurde.
     Als treibende Kraft einer vorübergehenden posthumen Lacombe-Pflege wirkte seine Frau in Verbindung mit Interessengruppen seiner Geburtsstadt. Am 4.10.1884 auf dem Friedhof Père-Lachaise beerdigt (Division 85), erhielt er 1909 ein von dem Bonner Bildhauer Karl Menser geschaffenes aufwendig gestaltetes Grabmonument.

Louis L a c o m b eLacombes persönlicher Ehrgeiz galt Symphonik und Oper, die sein mitunter überbordendes Bemühen um eine reiche, kritisch-bewundernd als »luxe d'instrumentation« (RGMP 1850, S. 107) bezeichnete Orchestrierung und um Inhalte expressiv ausdeutende Gesangspartien aufnehmen konnten. Auch seine Lieder weisen über routinierte Genrekompositionen hinaus: In ihrer versiert stimmidiomatischen Setzart und einem delikat-duftigen bis lautmalerisch expressiven Klaviersatz sind sie sowohl dem Typus der französischen Romance als auch jenem der Mélodie verpflichtet und nehmen mitunter ein balladesk szenisches Gepräge an. In seinen Klavierkompositionen gibt sich der ausgezeichnete Pianist handwerklich zwar solide, aber unoriginell und auf einen amateurtauglichen Schwierigkeitsgrad bedacht. Die instrumentale Kammermusik - insb
esondere die beiden Klaviertrios sowie das Streichquartett Le Château - atmet einen akademischen Geist von über weite Strecken dezidiert polyphonem Gepräge und zeichnet sich durch eine gelungene Balance zwischen den Instrumenten aus.
     Individualität und bleibende Gültigkeit dürfen vor allem seine »symphonies dramatiques« in der kunstvollen Amalgamierung der Symphonie mit einer dramatischen, poetischen oder philosophischen Idee in der Nachfolge insbesondere Berlioz' und Félicien Davids beanspruchen. Manfred sollte den Komponisten durch die Einheit der Gedanken, die Fähigkeit, Seelenzustände musikalisch zu vergegenwärtigen, und eine als innovativ begrüßte musikalische Behandlung des Übernatürlichen zu einem Romantiker wie Modernisierer im besten Sinne stempeln - einem »maëstro d'avenir« (La France musicale, 1847, S. 111). Die Kritik der Uraufführung von Arva ou Les Hongrois stellt die Parallele zu Berlioz in den Vordergrund: In beider Werk finde sich die Verwirklichung der Gattung »symphonie dramatique«, die »pourrait donc être définie ainsi: L'exposé par l'orchestre tantôt seul, tantôt uni aux voix d'une suite de situations enchaînées par l'unité d'action« (La Musique. Gazette de la France musicale, 1850, S. 96). Ein resümierender Abschluß von Lacombes Beitrag zu dieser Gattung, das zur Hundertjahrfeier der Französischen Revolution projektierte Werk La Révolution française auf einen Text von Louis Gallet, blieb unrealisiert.


WERKE (Auswahl, lückenhafte und uneinheitl. Opuszählung. Wenn nicht anders angegeben, Erscheinungsort Paris; vgl. auch Fr. Pazdírek, Hrsg., Universal-Handbuch der Musikliteratur aller Zeiten und Völker, Bd. 6, Wien 1904-1910, S. 909-911, sowie L. Lacombe 1896, S. I-IX.)

A. Vokalmusik
I. Geistlich Messe en ré • Petite messe pour 4 voix et orgue • Agnus Dei à trois voix égales • Kyrie á trois voix • Agnus Dei pour voix seule, Fl., Klar. in A, V., V., Va., Vc., Kb. • Hostias pour voix seule, cor anglais et orgue • Chöre
II. Weltlich
1. Chöre: Trois Chœurs pour voix d'hommes sans accompagnement op. 54 (Nr. 1-3), Colombier 1856 und op. 59 (Nr. 1-3), Fleury 1858 • Cimbres et Teutons, Cri de guerre, double chœur avec accompagnement de musique militaire (François Barrillot) op. 63, 1858, Bureau du journal de l'Orphéon (auch mit Orch.) • Chœurs religieux à trois voix égales mit Orgel/Harm. op. 70 und 71 • Le Loup et le chien (Jean de La Fontaine) op. 74 • Conseil tenu par les rats (ders.) op. 85 • Chœurs des veilleurs de nuits mit Hr. ad lib. op. 87 • La Cigale et la fourmi für T, T, B, B (La Fontaine), op. 88,2, 1887, Orphéon • Le Renard et le corbeau (ders.) • Le Renard et les raisins (ders.) • Aubade für 4st. Chor, 1888, La Nouvelle France chorale • La Marche des orphéons, 1891, ebd. • L'Art et la science für T, T, B, B, 1892, ebd.
2. Gesangsszenen/Balladen: Sur la plage (Charles Grandmougin, dt. von Hugo Riemann), scène dramatique für Mez./Bar., op. 28, 1892, Richault • L'Abandonnée (Grandmougin, dt. von Riemann), dass. für Mez./Bar. mit Kl. op. 11, 1893, Richault • Ondine et le pêcheur (Théophile Gauthier), ballade Des-Dur für S/T op 39/1 oder B-Dur für Mez./Bar. op 39/2 mit Kl./Orch. (21. März 1847 Paris, Cons.), 1859, Richault • Le Départ pour la Croisade für Mez., Bar., B, Chor und Orch., Ms.
3. Lieder für Solostimme und Klavier: Chanson de Barberine (Alfred de Musset) (1856) • Chanson de la brise, 1858, A. Huré • Six Lieder avec accompagnement de piano, 1861, Brandus • 2 Sonnets de François Barrillot op. 65 • Le Colibri (1873) • Le Pardon (1873) • Virtuose de la nuit (1873) • 2 Sonnets de Zacharie Astruc op. 69, 1875, Gregh • Fables de La Fontaine op. 72 (Nr. 1-15) und 73 (jeweils Nr. 1-3), Ms. • Etudes de vocalisation transcendante op. 82, in: A. Favel, Science du mécanisme vocal et l'art du chant, 1876 • Le Bouquet, 1879, Brandus • Les Chants de la patrie. Airs populaires choisis et transcrits pour piano et chant op. 88 (Nr. 1-20), 1881, Léon Grus • Le Ruisseau et la jeune fille (dt. von H. Riemann), 1895, Richault • Le Chasseur (Gautier, dt. von Lisbeth Weber), 1898, Maquet • Le Rêve d'un enfant (Victor Hugo, dt. von H. Riemann), 1902, Costallat • L'Été, la nuit, l'amour, 1905, Enoch • "Si mes vers avaient des ailes" (Hugo), 1905, Enoch • Guide invisible, Ms. • Le Regret, Ms. • ferner 2 Slgn. mit je 30 Liedern, 1898, Enoch (vorgenannte Lieder z.T. darin enth., Einzeltitel vgl. Pazdírek Bd. 6, S. 910)

B. Bühnenwerke
L'Amour (Paulin Niboyet), entr'acte (2. Dez. 1859 Paris, Théâtre Saint-Marcel), 1860, Magasin de musique du Conservatoire • La Madone (Pierre François Adrien de Carmouche), op.com. 1 Akt (16. Jan. 1861 Paris, Théâtre-Lyrique) • Madame Boniface (E. Dupré/Louis François Clairville oder Charles Clairville) opéra bouffe? 2 Akte (1883 Paris, Bouffes-Parisiens?) • Winkelried (Théodore François Moreau-Sainti/Lionel Bonnemère), opéra héroïque 4 Akte 5 Tableaux (17. Febr. 1892 Genf, Grand Théâtre), Kl.A. 1892, Maquet • Le Tonnelier de Nuremberg (Charles-Louis-Etienne Truinet, gen. Nuitter, nach E. T. A. Hoffmann, Meister Martin und seine Gesellen; dt. von H. Riemann,), op.com. 2 Akte (als Meister Martin und seine Gesellen 7. März 1897 Koblenz) • La Reine des Eaux (Nuitter oder Lacombe u. Barrillot), opéra fantastique 3 Akte (als Die Korrigane 1901 Sondershausen) • Le Festin de Pierre (L. Fr. oder Ch. Clairville), opéra bouffe 1 Akt (als Der Kreuzritter 21. März 1902 Sondershausen) • La Turcomanie (L'Orient à Paris) opéra bouffe 1 Akt [weiter nicht eruierbar] • unvollendet: La coupe et les lèvres, poème d' A. de Musset, drame; Lucréce Borgia (Hugo); Faust, drame; Jeanne d'Arc, opéra

C. Instrumentalmusik
I. Orchesterwerke (z.T. mit Gesang) Minuit, ouverture caractéristique (1840 Dresden oder Berlin) • Manfred (Jules Barbier, de Chateau-Renaud, Adolphe Queyroy nach George Gordon Lord Byron, Manfred), symphonie dramatique für T, Soli, Chor und Orch., op. 44 / op.posth. 77 (21. März 1847 Paris, Cons.), 1888, Maquet • Arva ou Les Hongrois, symphonie dramatique (Chateau-Renaud) für S, T, Soli, Chor und Orch. (26. März 1850 Paris, Cons.), 1900, Joubert • Lassan et Friss, fantasietta dans le genre hongrois op. 51, 1856, Gilbert et Nowinski • Sapho (Alphonse de Lamartine, Chöre: Fr. Barillot), élégie antique (Melodram) für T, Sprecherin, Soli, Chor und Orch. (6. Juni 1878 Paris, Trocadéro), 1888, Maquet • Ouverture de concert h-Moll op. 91, 1892, Maquet • Au tombeau d'un héros, élégie d-Moll für V. und Orch./Kl., 1896, Richault • Ouverture symphonique à grand orchestre, o.J., J. Maho • Le Songe de Jeanne d'Arc, Or. für Chöre, Soli und Orch.
II. Kammermusik Grand Trio d-Moll für Kl., V. und Vc. op. 12, 1843, Lemoine, und a-Moll op. 41, 1859, Richault • Qnt. fis-Moll für Kl., V., Ob., Vc. und BKlar. (auch in anderen Versionen) op. 26, o.J., Richault • Le Château, StrQu. C-Dur op. 92, 1894, Maquet • ferner Werke für Kl. und V., u.a. über Opernthemen + Piano et Alto / Cornet á piston, Cor anglais, Horn, Oboe, Alto
III. Klaviermusik Grand Caprice ou Sonate fantastique f-Moll/F-Dur op. 1, o.J., Lemoine • Les Adieux à la patrie, caprice op. 2, o.J., Lemoine • Le Retour du guerrier, fantaisie dramatique op. 14, 1843, Lemoine • Grandes Etudes op. 19, 1842, Colombier • Grande Fantaisie de concert sur Beatrice di Tenda de Bellini op. 20, 1843, Heugel (auch für Kl. und V.) • Polonaise brillante D-Dur op. 21, o.J., Joly • Les Harmonies de la nature op. 22 (Nr. 1-10), o.J., Chabal • Ronde fantastique op. 36, 1846, Richault • Etude en octaves e-Moll op. 40, 1845 • Choral. Etude de concert C-Dur op. 43, 1851, Heugel • Deux Nocturnes op. 50, 1854, Richault • Lassan et Friss op. 51 (Version für Kl. zu 2/4 Hdn.), 1856, Gilbert et Nowinski • Six Romances et chansons sans paroles op. 52, 1865, Heugel • Impromptu op. 62, 1858, Richault

D. Editionen
J. S. Bach, Préludes et Fugues, doigté, 1851 • L. van Beethoven, Collection complète des quatre trios, dix-sept quatuors, deux quintettes et du septuor, révisé et corrigé, 5 Bde. in einem, o.J. (Trios op. 9, Quartette op. 18, 59, 74, 95, 130, 131 und 132, Quintette op. 4 und 29, Septett op. 20)

E. Schriften
Dernier Amour, Paris 1886 (Gedichte) • Philosophie et musique, Paris 1896 (Aufsatzslg. mit Werkverz.: Anh., S. I-IX).


IM HANDEL ERHÄLTICHE AUSGABEN
Le
.Retour du guerrier op. 14 (Ausg. Paris 1843), Repr. in: J. Kallberg, Piano Music of the Parisian Virtuosos 1810-1860, Bd. 10, New York / London 1993, S. 225-239.


LITERATUR
F.-J..FÉTIS, Biographie Universelle des Musiciens, Artikel L. Lacombe, Bd. 5. Paris (2)1875, S.156f. • E. BOURDIN, La Musique et les musiciens, L. Lacombe, Paris 1882 • A. FR. MARMONTEL, L. Lacombe, in: ders., Virtuoses contemporains, Paris 1882, S. 56-82 • H. MORENO, L. Lacombe, in: Le Ménestrel 1883/84, S. 358f. • H. BOYER, L. Lacombe et son œuvre, Paris 1888 • L. GALLET, Notes d'un librettiste: L. Lacombe, in: Le Ménestrel 1890, S. 321f., 329f., 337f., 345f., 353f., 361f. • L. GALLET, Conférence sur L. Lacombe et son œuvre, Bourges 1891 • E. JONGLEUX, Un grand musicien méconnu, L. Lacombe (1818-1884), ebd. 1935
.


Text entspricht inhaltlich: Chr. Kammertöns, Art. Louis Lacombe, in: MGG, Personenteil in 17 Bdn., Bd. 10, Kassel etc.: Bärenreiter 2003, Sp. 985-988.



© D r.  C h r i s t o p h  K a m m e r t ö n s

 
> Seitenanfang

 

disclaimer